Einen Coachingroman zu schreiben, wirkt auf den ersten Blick sehr einfach. Schließlich kennst du deine Zielgruppe und hast coole Techniken. Du weißt, wie Veränderung entsteht, welche Fragen weiterhelfen und warum Menschen oft jahrelang an denselben Themen festhalten. Dieses Wissen scheint der ideale Ausgangspunkt für einen Roman zu sein.
Trotzdem passiert es vielen Autorinnen und Autoren, wenn sie einen Coachingroman schreiben: Die ersten Kapitel funktionieren gut. Die Figuren sind raffiniert, das Thema ist relevant, und erste Testleser sind neugierig.
Doch etwa ab der Mitte des Coachingromans verliert der Text an Zugkraft. Die Geschichte wirkt vorhersehbar. Erkenntnisse häufen sich, aber die Spannung nimmt ab.
Oft wird dann beim Schreiben eines Coachingromans an den falschen Stellen nachgebessert:
- Die Handlung bekommt mehr Wendungen.
- Es werden Nebenfiguren ergänzt oder Konflikte künstlich verschärft.
- Manchmal wird sogar die gesamte Romanstruktur infrage gestellt.
Dabei liegt der eigentliche Grund häufig ganz woanders. Viele dramaturgische Probleme von Coachingromanen lassen sich auf denselben Fehler zurückführen:
Die Hauptfigur verändert sich zu früh.
Eine andere Sicht auf das Schreiben von Coachingromanen
Die dramaturgische Perspektive auf Coachingromane beschäftigt sich weniger mit der Frage, was eine Figur erlebt, sondern warum sie trotz neuer Erkenntnisse so lange an ihrer bisherigen Geschichte festhält und wie lange sie braucht, bis sie innerlich bereit ist, eine neue Wahrheit anzunehmen.
Ein Coachingroman folgt nicht denselben Gesetzen wie ein Coachingprozess. Das klingt zunächst banal, tatsächlich entscheidet dieser Unterschied darüber, ob ein Roman seine Leser bis zur letzten Seite fesseln kann oder ob er gelangweilt aus der Hand gelegt wird.
Warum passiert es beim Coachingroman-Schreiben schnell, dass der Spannungsbogen zu früh abfällt?
Ein Coachingroman verliert häufig dann an Spannung, wenn die Hauptfigur einen neuen Gedanken zu schnell annimmt und umsetzt. Während ein Coachingprozess darauf ausgerichtet ist, Veränderung optimal zu begleiten, lebt ein Roman davon, dass sich eine Figur gegen Veränderung sträubt. Spannung entsteht nicht durch Perspektivwechsel, sondern durch den Widerstand gegen die Einsicht.
Wer einen Coachingroman schreiben möchte, sollte deshalb nicht nur den Coachingprozess verstehen, sondern auch die psychologischen Gesetze erzählerischer Dramaturgie.
Lass uns die wichtigsten Aspekte anschauen:
1. Coachingprozess und Romanhandlung sind nicht dasselbe
Auf den ersten Blick ähneln sich Coaching und Roman schreiben. Es gibt ein Problem, für das die Hauptfigur nach einer Lösung sucht. Sie begegnet Menschen, die ihr helfen, sie entwickelt sich weiter, und am Ende hat sich etwas verändert.
Für viele Autoren ist die Versuchung groß, den Ablauf eines gelungenen Coachings eins zu eins in einen Roman zu übertragen. In der Praxis sieht das dann ungefähr so aus: Problem. Erkenntnis. Umsetzung. Nachbesserung. Für einen Coachingprozess ist das ein wünschenswerter Verlauf, doch für einen Roman ist das meist zu geradlinig.
Eine spannende Geschichte entwickelt sich anders:
- Es gibt ein Problem. Der Leidensdruck wächst.
- Eine falsche Annahme über die Ursache. Die alte Geschichte erklärt anscheinend alles.
- Erste Irritation. Etwas passt nicht mehr.
- Eine neue Erkenntnis taucht auf. Die bisherige Erklärung gerät ins Wanken.
- Widerstand, Abwehr und Rechtfertigung. Festhalten am Alten. Die Kontrolle behalten wollen.
- Lösungsfehlversuch. Mehr desselben. Das Alte noch besser machen.
- Scheitern. Trotz aller Bemühungen keine Veränderung.
- Tiefere Erkenntnis. Jetzt trifft sie ins Herz. Das Muster wird deutlicher.
- Tiefpunkt. Die alte Strategie funktioniert nicht mehr.
- Erst dann beginnt echte Veränderung. Langsam entsteht ein neues Selbstbild.
Das ist der Spannungsbogen der Veränderung im Coachingroman.
Viele Autorinnen und Autoren investieren viel Zeit, kluge und inhaltlich verantwortungsbewusste Dialoge auszuarbeiten, wenn sie einen Coachingroman schreiben. Deutlich weniger Aufmerksamkeit bekommt oft das, was danach geschieht, obwohl dort die eigentliche Geschichte entsteht.
Relevant ist nicht in der Anzahl der Erkenntnisse, sondern das, was zwischendrin passiert. Nicht die Erkenntnis treibt die Handlung voran, sondern der Widerstand gegen sie.
2. Der Coach möchte schnell helfen, der Romanautor muss warten.
Dieser Gedanke wirkt zunächst fast paradox. Als Coach freust du dich, wenn dein Gegenüber möglichst schnell einen hilfreichen Zusammenhang erkennt. Jede Einsicht kann ein wichtiger Schritt sein. Gute Coaches möchten Leid verkürzen.
Beim Schreiben eines Romans gelten andere Regeln. Gute Coachingromane verlängern den Weg zur Veränderung. Oft wird eine Geschichte gerade dann spannend, wenn die Hauptfigur eine neue innere Wahrheit eben nicht sofort annimmt. Sie hört etwas, glaubt es aber nicht. Oder sie glaubt es – und handelt trotzdem nicht danach. Vielleicht versucht sie sogar alles, um zu beweisen, dass die neue Sichtweise falsch ist.
Es geht nicht darum, dass die Figur grundsätzlich uneinsichtig sein muss. Der Punkt ist: Menschen sind selten bereit, ihr bisheriges Weltbild nach einem einzigen Gespräch aufzugeben. Vielleicht kennst du diesen Gedanken aus deiner eigenen Arbeit. Manchmal sagst du im Coaching einen Satz, bei dem du spürst: Der ist angekommen. Trotzdem verändert sich zunächst nichts im Alltag deines Klienten. Verstehen und Verändern sind nun mal zwei völlig verschiedene Dinge.
Ein Coach fragt: „Was braucht mein Klient, um sich zu verändern?“
Ein Romanautor fragt: „Warum darf sich meine Figur jetzt noch nicht verändern?“
Wenn du einen Coachingroman schreiben willst oder schon schreibst, ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse.
3. Die häufigste psychodramaturgische Schwäche ist ein zu hohes Integrationstempo
Viele Testleser von Coachingromanen haben das Gefühl, dass mit dem Manuskript irgendwas nicht stimmt, können aber schwer sagen, was genau das Problem ist. Die Figuren sind nahbar und in sich schlüssig, die Dialoge funktionieren, die Botschaft ist klar.
Eine typische Szene sieht dann so aus:
- Der Coach stellt eine kluge Frage,
- die Figur denkt darüber nach,
- erkennt ihr Muster,
- ändert bestenfalls auch gleich noch ihr Verhalten, und
- in der Folge verbessert sich die Situation.
Das wirkt im ersten Moment plausibel. Trotzdem erzeugt diese Art von Szene trotzdem kaum Spannung. Eigentlich lesen wir keinen Coachingroman mehr, wir lesen einen gelungenen Coachingverlauf, oft noch in rasanter Geschwindigkeit.
Veränderung fühlt sich für Leser erst dann glaubwürdig an, wenn die Hauptfigur Widerstand überwinden musste – egal, ob äußerlich oder innerlich.
Deshalb scheitern viele psychologische Romane nicht am Stil, sondern am Integrationstempo ihrer Hauptfigur.
Manchmal liegt das Problem übrigens gar nicht an der Dramaturgie, sondern daran, dass unterschiedliche Autorentypen ihre Texte sehr verschieden entwickeln. Darauf gehe ich im Artikel „Schreibblockade? Wie dein Autorentyp dich beim Buchschreiben ausbremst“ näher ein.
Bei Coachingromanen ist es wichtig, dass zwischen Einsicht und Veränderung genügend Zeit bleibt. Das wirkt auf den ersten Blick wie eine künstliche Verzögerung, tatsächlich entsteht genau an diesem Punkt die eigentliche Spannung.
4. Der Veränderungsprozess einer inneren Wahrheit braucht Widerstand
Ein Coachingroman lebt nicht von möglichst vielen Einsichten, sondern davon, dass Einsichten Konsequenzen haben. Und Konsequenzen tun manchmal kurzfristig nicht gut. Doch ein Perspektivwechsel, der nichts kostet, verändert meistens auch wenig.
Wenn eine Figur begreift, dass sie sich jahrelang etwas vorgemacht hat, verliert sie oft gleichzeitig etwas anderes: ihren Stolz, das Bild, das sie von sich selbst hatte, die Sicherheit, den Schuldigen längst gefunden zu haben, vielleicht sogar eine Beziehung, die auf genau dieser alten Geschichte beruhte.
Je größer der Preis einer Erkenntnis ist, desto verständlicher wird der Widerstand dagegen. Doch umso glaubwürdiger wirkt später die Veränderung.
Beim Schreiben eines Coachingromans ist die hilfreichste Frage nicht, „Was lernt meine Figur in dieser Szene?“, sondern: „Was müsste sie aufgeben, wenn sie diese Erkenntnis wirklich zulassen würde?“ Allein diese Fokusverschiebung shiftet oft den gesamten Spannungsbogen beim Coachingroman-Schreiben.
Dann geht es nicht mehr nur um Wissen. Es geht um Identität.
Psychodramaturgisch beginnt Veränderung deshalb nicht mit einer Erkenntnis, sondern mit dem Moment, in dem die alte Identität zu bröckeln anfängt.
5. Die Figur darf nicht zu coachbar sein
Manche Hauptfiguren in einem Ratgeberroman reagieren erstaunlich vernünftig. Sie hören zu, denken über das nach, was der Coach sagt, erkennen ihre Muster und geben ihr Bestes, um es beim nächsten Mal besser zu machen. Das macht sie zwar sympathisch, aber nicht unbedingt spannend.
Wenn du mit deinem Coachingroman auch geeignete Kunden qualifizieren möchtest, möchtest du natürlich keine Figur erschaffen, die dauerhaft im Opferdenken feststeckt und jede Verantwortung von sich weist. Schließlich wünschen wir uns als Coaches und Berater Klienten, die wirklich veränderungsmotiviert sind und auch umsetzen.
Trotzdem gibt es in wahrscheinlich jedem Coachingprozess irgendeine Form von (zeitweisem) Widerstand:
- Eine Person findet gute Gründe, warum etwas nicht anders geht.
- Sie lenkt das Gespräch auf ein anderes Thema.
- Sie erkennt das Muster bei anderen, aber noch nicht bei sich selbst.
- Vielleicht weist sie hauptsächlich anderen die Schuld zu (oder das Gegenteil: Sie übernimmt selbst die Verantwortung dafür, dass andere sich ändern).
- Möglicherweise stimmt sie dem Coach sogar zu – und macht am nächsten Tag trotzdem alles wie bisher.
Aus psychodramaturgischer Sicht verteidigt eine Figur dabei nicht nur ihre Meinung, sondern das Bild, das sie von sich selbst hat. Gerade diese Reaktionen machen eine Figur glaubwürdig – nicht, weil sie unvernünftig wäre, sondern weil sie versucht, ihr bisheriges Selbstbild zu schützen.
Das lässt sich auch auf einen Coachingroman übertragen:
Vielleicht sagt der Mentor im Roman etwas, das objektiv richtig ist. Trotzdem widerspricht die Hauptfigur. Nicht aus Trotz, sondern weil diese Erkenntnis ihr gesamtes Weltbild ins Wanken bringen würde. Deshalb verteidigt sie ihr bisheriges Verhalten. Vielleicht sucht sie neue Erklärungen, lenkt ab oder konzentriert sich lieber auf die Probleme anderer.
Aus psychologischer Sicht ist das völlig nachvollziehbar. Menschen geben Überzeugungen, die sie über Jahre mit sich herumgetragen haben, nicht nach einem einzigen Gespräch auf. Selbst dann nicht, wenn sie spüren, dass bestimmte Glaubenssätze ihnen längst nicht mehr guttun.
Je länger deine Protagonistin an ihrer alten Geschichte festhält, desto größer wird die Erleichterung der Leser, wenn die Hauptfigur ihre dysfunktionalen Annahmen irgendwann tatsächlich loslassen kann.
Der Leser wartet nicht darauf, dass die Hauptfigur etwas versteht. Er wartet darauf, dass sie endlich bereit ist, danach zu handeln.
Häufige Fragen zum Schreiben eines Coachingromans
Reicht ein spannender Klient, wenn ich einen guten Coachingroman schreiben will?
Meistens nicht. Ein Coachingprozess liefert wertvolle Inhalte und eine gute Grundlage, folgt aber anderen Gesetzen als eine Romanhandlung. Während Coaching darauf abzielt, Veränderung optimal zu begleiten, lebt ein Roman davon, dass sich eine Figur zunächst gegen Veränderung sträubt. Genau dieser Widerstand erzeugt Spannung.
Warum verlieren viele Coachingromane ausgerechnet in der zweiten Hälfte an Spannung?
Ein häufiges Warnsignal ist, dass die Hauptfigur neue Einsichten zu schnell akzeptiert und umsetzt. Dadurch sind die wichtigsten inneren Konflikte zu früh gelöst. Für Leser gibt es dann kaum noch offene Fragen, obwohl die Handlung äußerlich weiterläuft.
Woran erkenne ich beim Coachingroman-Schreiben, dass sich meine Hauptfigur zu schnell entwickelt?
Ein guter Prüfstein ist die Reaktion auf wichtige Erkenntnisse. Nimmt deine Hauptfigur neue Sichtweisen sofort an und verändert unmittelbar ihr Verhalten, entwickelt sie sich wahrscheinlich zu schnell. Glaubwürdige Figuren zweifeln, wehren sich, suchen Erklärungen oder halten zunächst an ihrer bisherigen Sichtweise fest.
Muss meine Hauptfigur unsympathisch sein, damit Spannung entsteht?
Nein. Spannende Figuren sind nicht deshalb interessant, weil sie uneinsichtig oder unsympathisch sind. Sie werden interessant, weil sie nachvollziehbare Gründe haben, an ihrer bisherigen Überzeugung festzuhalten. Leser müssen den Widerstand der Hauptfigur verstehen können – auch wenn sie selbst längst ahnen, wohin die Entwicklung führen wird.
Der Kern der Dramaturgie beim Coachingroman-Schreiben
Coachingromane brauchen keine kompliziertere Handlung als andere Romane. Sie brauchen eine glaubwürdige psychologische Veränderung. Das ist der Unterschied zwischen einer Geschichte, die ihre Leser berührt, und einer Geschichte, die zwar viele kluge Gedanken enthält, zu der die Leser aber emotional auf Distanz bleiben.
Hast du beim Coachingroman-Schreiben den Eindruck, dass deine Figur „eigentlich schon alles verstanden hat“?
Vielleicht fehlt keine weitere Szene mit neuen Erkenntnissen. Vielleicht braucht deine Romanfigur mehr Zeit, mehr Widerstand und mehr Gelegenheiten zu scheitern.
Wenn du unsicher bist, ob dein Coachingroman genau an dieser Stelle noch Potenzial hat, lohnt sich ein Blick von außen.
Der Kern von Psychodramaturgie ist: Nicht die Erkenntnis verändert eine Figur. Der Widerstand gegen diese Erkenntnis erzeugt die eigentliche Spannung.
Oft entscheidet nicht eine spektakulärere Handlung darüber, ob ein Coachingroman funktioniert. Sondern die Frage, wie lange eine Figur braucht, bis sie bereit ist, ihre eigene Geschichte loszulassen – und welchen emotionalen Preis sie dafür zahlen muss.
Weiterführende Gedanken
Im zweiten Teil der Reihe „Dramaturgie von Coachingromanen“ zeige ich dir, wie du psychologische Veränderung so erzählst, dass Leser sie nicht nur verstehen, sondern wirklich miterleben: Figurenentwicklung in Coachingromanen: Wie du psychologische Veränderung glaubwürdig erzählst
Falls du neugierig bist, welche Prioritäten ich als Psychologin und Psychotherapeutin im Coaching setze, findest du hier mehr: https://entfalte-dein-leben.de
