Therapeutisches Boxen? Als die Anfrage zur Zusammenarbeit in mein Postfach flatterte, wusste ich ehrlich gesagt noch nicht einmal, dass es so etwas wie therapeutisches Boxen überhaupt gibt.
Ulrike Angermann ist Psychologin, systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin, Mediatorin, Traumatherapeutin und Boxtherapeutin. Sie arbeitet seit vielen Jahren mit Boxen als Therapiewerkzeug. Für manche klingt therapeutisches Boxen im ersten Moment ziemlich ungewöhnlich. Schließlich ist Boxen oft mit Wettkampf, Härte oder Aggression assoziiert. Doch wer das Buch von Ulrike Angermann in die Hand nimmt, merkt schnell, dass therapeutisches Boxen etwas anderes ist.
Während des Lektorats war ich überrascht, bei wie vielen unterschiedlichen psychischen Beschwerden und Belastungen therapeutisches Boxen eingesetzt werden kann. Spannend fand ich auch, wie gut sich dieser körperorientierte Ansatz in ein psychotherapeutisches Gesamtkonzept einfügen lässt.
Wie aus dieser Buchidee ein Fachbuch wurde und welchen Weg das Manuskript bis zur Veröffentlichung genommen hat, erzählt Ulrike Angermann im Gespräch.
Endlich ein Fachbuch über therapeutisches Boxen
Liebe Frau Angermann, herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit für diesen gemeinsamen Blick zurück auf Ihr Buchprojekt nehmen! Starten wir mit einer kleinen Alltagsszene – und mit der vermutlich schwierigsten Aufgabe für fast alle Autorinnen und Autoren: das eigene Buch in wenigen Sätzen auf den Punkt zu bringen.
Stellen Sie sich vor, Sie stehen zufällig in der Schlange neben jemandem, der genau Ihre Zielgruppe ist, und Sie erwähnen, dass Sie kürzlich Ohne harte Bandagen – Boxen als Therapie geschrieben haben. Die andere Person will Genaueres wissen. Allerdings rückt die Schlange auf, und Sie haben nur 30 Sekunden Zeit. Wie machen Sie diese Person neugierig auf Ihr Buch?
Ulrike Angermann: Mein Buch zeigt, wie therapeutisches Boxen Menschen mit selbstverletzendem Verhalten, Missbrauchserfahrungen und unterschiedlichen psychischen Störungsbildern unterstützen kann. Wichtig ist mir: Es geht nicht um Gewalt, sondern um Selbstwirksamkeit, Körperwahrnehmung und die Fähigkeit, klar „Stopp“ zu sagen.
Das Buch verbindet therapeutisches Wissen mit konkreten Übungen und Erfahrungen aus der Praxis – für Fachkräfte, Betroffene und alle, die verstehen möchten, wie aus Ohnmacht wieder Handlungskraft entstehen kann. Vielleicht würde ich die Person in der Schlange neben mir sogar fragen: „Wann haben Sie zuletzt gespürt, dass Sie Ihre eigenen Grenzen wirklich schützen können?“
Damit wären Sie mit einer Person aus Ihrer Zielgruppe bestimmt gleich im Gespräch. Wenn wir den Moment suchen würden, in dem dieses Buch seinen Anfang genommen hat – wo würden wir landen?
Ulrike Angermann: Oh, das ist schon einige Jahre her. Immer wieder erzählten mir Klinikmitarbeiter*innen, dass ihre Arbeitgeber sich weigerten, die von mir angebotene Fortbildung zum zertifizierten Boxcoach zu finanzieren, geschweige denn therapeutisches Boxen später in der Klinik umzusetzen: „Wir zahlen die Ausbildung nicht, es gibt ja noch nicht mal ein Fachbuch zu diesem Thema.“ Auch das hat mir den Antrieb gegeben, dieses Buchprojekt zu starten.
Wir zahlen die Ausbildung nicht,
es gibt ja noch nicht mal ein Fachbuch zu diesem Thema.
Da müsste man den damaligen Kliniken ja eigentlich ein Exemplar zukommen lassen. [lacht]
Ulrike Angermann: Ja, das überlege ich mir! [lacht]
Aus diesem Antrieb wurde schließlich ein ganzes Fachbuch. Für wen haben Sie es geschrieben – und was soll bei Ihren Lesern nach dem Zuklappen des Buchs hängen bleiben?
Ulrike Angermann: Ich habe Ohne harte Bandagen – Boxen als Therapie für Menschen geschrieben, die therapeutisches Boxen professionell einsetzen möchten oder verstehen wollen, welche heilsame Kraft in Bewegung, Körperwahrnehmung und klaren Grenzen liegen kann. Das Buch richtet sich an Therapeut*innen, aber auch an pädagogische Fachkräfte und Ärzt*innen.
Nach dem Zuklappen soll vor allem eines hängen bleiben: Therapeutisches Boxen bedeutet nicht, härter zu werden. Es kann Menschen helfen, sich selbst wieder zu spüren, angestaute Gefühle in einem sicheren Rahmen auszudrücken und innerlich zu regulieren, die eigene Kraft zu entdecken und Grenzen bewusst und wirkungsvoll zu setzen. Aus Ohnmacht kann Handlungskraft entstehen, aus Sprachlosigkeit ein klares „Stopp“ und aus Unsicherheit neue Selbstwirksamkeit. Es geht um das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Dinge anpacken und verändern zu können.
Das Buch soll außerdem Mut machen, den Körper nicht nur als Ort von Schmerz und Verletzung zu betrachten, sondern auch als wichtigen Zugang zu innerer Stabilität und menschlicher Würde und als Instrument, das Veränderungen einleiten kann.
Das war schon in der gesamten Rohfassung des Manuskripts zu spüren. Wenn Sie aus Ihrem Buch nur einen einzigen Satz auswählen dürften: Welcher wäre es – und warum gerade dieser?
Ulrike Angermann: Es ist ein Satz aus Kapitel 1: „Der Kontrahent ist nicht der andere Mensch, sondern die Erkrankung, ein belastendes Verhaltensmuster oder ein überwältigender innerer Zustand wie Anspannung, Ohnmacht, Übererregung, innere Leere oder auch unterdrückte Emotionen.“
Ich würde diesen Satz wählen, weil er ein häufiges Missverständnis über therapeutisches Boxen auf den Punkt bringt. Viele Menschen verbinden Boxen im ersten Moment mit Aggression, Wettkampf oder Gewalt. Therapeutisches Boxen hat aber nicht zum Ziel, gegen einen anderen Menschen zu kämpfen oder Wut unkontrolliert auszuleben. Die Schläge richten sich gegen Materialien, und im Mittelpunkt stehen Selbstwahrnehmung, Emotionsregulation und die Erfahrung, die eigene Reaktion bewusst steuern zu können – in einem sicheren, klar strukturierten therapeutischen Rahmen. Wir arbeiten mit dem, was Menschen belastet, nicht gegen eine andere Person.
Dieser Satz bringt die Haltung hinter dem therapeutischen Boxen sehr klar auf den Punkt. Wenn Sie heute auf das ganze Buch schauen: Worauf sind Sie besonders stolz? Bei welcher Seite denken Sie heute noch: „Genau dafür hat sich die ganze Arbeit gelohnt“ – und warum?
Ulrike Angermann: Es ist das Kapitel Therapeutisches Boxen bei Klient:innen mit onkologischen und anderen lebensbedrohlichen Diagnosen. Diese Patient*innen stehen vor besonderen körperlichen und seelischen Herausforderungen. Deshalb war es mir wichtig, ihnen ein eigenes Kapitel zu widmen und zu zeigen, wie therapeutisches Boxen in diesem sensiblen Bereich verantwortungsvoll eingesetzt werden kann. Die Übungen müssen sehr behutsam ausgewählt und immer an die jeweilige Erkrankung, die Therapiephase und die individuelle Belastbarkeit angepasst werden. Gerade diese Verbindung aus möglichen neuen Erfahrungen und der notwendigen fachlichen Sorgfalt liegt mir besonders am Herzen.
Das Projekt auf einen Blick
Gebuchtes Paket
SHAPE IT – Textanalyse, Feedback & redaktionelle Bearbeitung
Ziel der Zusammenarbeit
Aus einem inhaltlich bereits sehr fundierten Fachmanuskript sollte ein Buch entstehen, das unterschiedliche fachliche Zielgruppen abholt, den roten Faden erkennbar macht und die Verlagsvorgaben erfüllt, ohne die fachliche Haltung der Autorin aus den Augen zu verlieren.
Gebuchte Leistungen
Verständnis-Check · Bucharchitektur-Check · Fachlektorat Psychologie · Zitierkorrektur · Gendern · Sensitivity-Reading · stilistisches Basislektorat mit sprachlichem Feinschliff · Feedback-Einarbeitung und Umsetzung der Verlagsvorgaben nach Abstimmung
Vom Fachwissen zum Buchmanuskript
Man merkt, wie viel fachliche Sorgfalt in dem Buch steckt. Irgendwann musste aus diesem ganzen Wissen ein Manuskript werden, das als Buch funktioniert. Wie kam es eigentlich dazu, dass sich unsere Wege gekreuzt haben?
Ulrike Angermann: Frau Foos vom Ernst Reinhardt Verlag hat Sie empfohlen. Erst einmal ging es ganz pragmatisch darum, das Manuskript weiterzubringen und das Feedback des Verlags sinnvoll umzusetzen.
Gab es in unserer Zusammenarbeit einen Moment, in dem Sie dachten: „Gut, dass ich diesen Schritt gegangen bin“?
Ulrike Angermann: Ja, als ich Ihr erstes Gesamtfeedback zum Manuskript gelesen habe. Das Feedback war sehr ermutigend und wertschätzend, obwohl es noch einiges zu tun gab. Das hat mir das Vertrauen gegeben, auch die nächsten Schritte mit Ihnen zu gehen.
Das Manuskript auf dem Schreibtisch
Und dann war da ja noch das Dokument selbst – mit all den Anmerkungen. Wie war Ihre erste Reaktion darauf?
Ulrike Angermann: Ein Hauch von Verzweiflung! [lacht] Das waren Hunderte von Kommentaren, und ich dachte: Keine Ahnung, wie lange das dauern wird und wann ich das neben meinen anderen Projekten überhaupt machen soll. Deshalb habe ich mich dann auch entschieden, das Feedback direkt von Ihnen in den Fließtext einarbeiten zu lassen. Das hat mir enorm viel Zeit und Nerven gespart.
Was hat sich dadurch aus Ihrer Sicht am Manuskript selbst verändert?
Ulrike Angermann: Wo soll ich anfangen? [lacht] Die neue, klare Struktur ist dem Verlag als Erstes aufgefallen. Das ganze Praxiswissen über therapeutisches Boxen ist jetzt auch aus Lesersicht übersichtlich angeordnet. Der rote Faden kommt deutlicher raus, und davon profitieren natürlich die Menschen, die ich mit diesem Buch erreichen und für therapeutisches Boxen begeistern möchte.
Das freut mich natürlich sehr. Wenn Sie unsere Zusammenarbeit in drei Begriffen beschreiben müssten – welche wären das?
Ulrike Angermann: Wertschätzend, ermutigend, fachlich kompetent und herzlich. Oh, das waren jetzt schon vier! [lacht] Nein, im Ernst: Sie haben sich sehr gut in das Thema therapeutisches Boxen eingearbeitet, und ich bin erleichtert, dass das, was ich im Kern vermitteln möchte, jetzt auch wirklich rüberkommt.
Gerade weil einem der Kern des eigenen Textes wichtig ist, gibt man ein Manuskript vermutlich nicht ohne Weiteres aus der Hand. Was würden Sie einem Autor sagen, der kurz vor diesem Schritt steht und am Überlegen ist?
Ulrike Angermann: Erst mal zu Frau Langer, bevor es zum Verlag geht. [lacht] Ein Lektorat kann vorab helfen, wenn das Manuskript noch Schwächen in den Bereichen Aufbau, roter Faden, Verständlichkeit, Wiederholungen, Ausdruck oder Zielgruppenansprache hat. Gerade bei einem Fachbuch kann ein Lektor prüfen, ob die Inhalte logisch aufeinander aufbauen und ob Außenstehende einordnen können, was man als Autor vermitteln möchte. Dadurch geht ein Manuskript deutlich klarer und besser strukturiert in die Verlagseinreichung.
Erst mal zu Frau Langer 🙂
Stimmt, gerade der Blick von außen kann dabei helfen, das eigene Wissen noch klarer für andere zugänglich zu machen. Zum Schluss würde ich gern noch einmal den 30-Sekunden-Test vom Anfang aufgreifen – diesmal für Ihre eigene Arbeit: Wer ist bei Ihnen richtig, wobei helfen Sie und wie sieht diese Unterstützung aus?
Ulrike Angermann: Bei uns sind sowohl Menschen richtig, die Unterstützung für sich selbst suchen, als auch Fach- und Führungskräfte aus therapeutischen, pädagogischen, sozialen und betrieblichen Arbeitsfeldern. An mehreren Praxisstandorten begleiten wir Patient*innen und Klient*innen unter anderem mit traumatherapeutischen und körperorientierten Ansätzen wie dem therapeutischen Boxen. Außerdem bieten wir Aus- und Fortbildungen in Traumapädagogik, therapeutischem Boxen und traumasensibler Gewaltprävention an. Weitere Schwerpunkte sind Supervision, Coaching und betriebliches Gesundheitsmanagement, besonders rund um psychische Gesundheit. Uns ist wichtig, Patient*innen und Klient*innen sicher und individuell zu begleiten und Fachkräften nicht nur einzelne Methoden, sondern auch das nötige Kontextwissen und eine klare professionelle Haltung für ihre Arbeit mitzugeben.
Liebe Frau Angermann, vielen Dank, dass Sie uns einen so offenen Einblick in Ihre Arbeit und in die Entstehung Ihres Buchs gegeben haben. Ich wünsche Ihnen, dass Ohne harte Bandagen – Boxen als Therapie viele, viele Fachkräfte erreicht und dazu beiträgt, dass therapeutisches Boxen den Platz in der Fachwelt bekommt, den dieser Ansatz verdient.
Ulrike Angermann: Und falls ich noch ein Buch schreibe, komme ich sehr gern wieder zu Ihnen.
Dann bin ich jetzt schon gespannt auf Ihre Idee!
Zum Buch und zur Website von Ulrike Angermann
Neugierig auf das Buch Ohne harte Bandagen – Boxen als Therapie?
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Wie ich Buchprojekte begleite
Die Zusammenarbeit an einem Buch sieht natürlich jedes Mal ein bisschen anders aus. Wie ich Buchprojekte begleite und was mir dabei wichtig ist, erfährst du hier auf editing.dreams. Und wenn du selbst gerade an einem Manuskript sitzt, kannst du mir auch direkt schreiben.


